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Stichwort-Suche nach: Gesellschaft.

Haters gonna hate

Mit lustigen Mem-Bildchen gegen Hate Speech angehen. Was für eine Scheiß-Idee!

Zum Thema »Hate Speech« im Internet habe ich hier schon das eine oder andere Mal etwas geschrieben, und ich bin wirklich kein Freund von »Hate Speech«, obwohl ich schon sagen muss, dass man vorsichtig sein sollte, wo man da die Grenzen zieht. Wer allerdings »ins Internet« schreibt, alle Flüchtlinge sollten verrecken oder in die noch erhaltenen Konzentrationslager gesteckt werden, der überschreitet dermaßen viele Grenzen und sollte meiner Meinung nach nicht nur möglichst viel Contra bekommen, sondern soweit möglich dann auch juristisch belangt werden.

Wie Heise Online berichtet, gibt es im Kampf gegen »Hate Speech« eine neue Initiative, die dazu auffordert, Hass-Postings mit humorvollen Bildchen zu kontern:

Die Initiative "No Hatespeech Movement" des Europarats will Internetnutzern zeigen, wie sie sich auf humorvolle Art gegen Hasskommentare im Netz wehren können.

Und was soll man sagen? Die Initiative hat eine ganz, ganz furchtbare und schlecht funktionierende Internetseite (Response-Zeiten im Minutenbereich sind halt nicht akzeptabel), auf der ein paar bekannte Bildmotive ausgestellt werden, die mit Sprüchen garniert sind, die sich auf unterstem intellektuellen Niveau bewegen:

You put the Ass in Hass

Ich mag wie einfach dein Weltbild gestrickt ist. Nicht.

Wow. Das wird die Hater aber beeindrucken! Nicht. Ich fürchte ja, dass nicht einmal die urheberrechtlichen Fragen für die Verwendung der Bilder geklärt sein dürfte; und wie gesagt: inhaltlich ist das so ein blödes, kindisches Niveau, dass man staunen muss. Die Site bietet ein paar Erklärtexte, die darlegen, dass es zumindest theoretisch in Deutschland ausreichend gesetzliche Grundlagen gibt, um (eindeutige) »Hate Speech« zu verfolgen. Und wenn Heise schreibt, dieses Projekt werde vom Europrat gefördert, muss ich annehmen, dass dieser Quatsch auch noch mit Steuergeldern bezahlt wird. Oh mein Gott :-(

Na also: Homosexualität ist doch heilbar

Wer wie Fabian Goldmann Heterosexualität als rein kulturelles, als erlerntes Verhalten, als erfundenes »Konzept« darstellt, tut ausgerechnet Homo-Heilern einen Gefallen. Denn wenn Heterosexualität erlernt wird, dann ist im Umkehrschluss Homosexualität »verlernbar«.

Tapp, tapp, tapp. Drei Schläge mit ihrer flachen Hand auf meine Schulter, um mir zu signalisieren, dass ich doch mal kurz aufhören solle. »Ich muss dir etwas sagen.« Die Frau, in die ich mich in den zurückliegenden Monaten immer mehr verliebt hatte, musste mir endlich, und zwar schon reichlich spät, »beichten«, dass sie lesbisch ist. Es folgte (nicht nur) ein sehr ausführliches Gespräch über das Leben, über Gefühle, Erfahrungen, Sexualität, unter anderem mit der Frage, ob ich homophob sei. »Ich hoffe, nicht«, war meine Antwort. Wer mich etwas besser kennt, weiß, dass ich ein recht entspanntes Verhältnis zu diesen Themen habe – und wer bin ich denn auch, dass ich mich moralisch über andere Leute stelle? Erst recht nicht wegen der profanen Frage, wen jemand liebt. Einig waren wir uns auch, dass man sich eben nicht aussucht, von wem oder was man sich sexuell angezogen fühlt.

Der Journalist und Politik- und Islamwissenschaftler Fabian Goldmann belehrt mich und alle anderen jetzt eines besseren:

Heterosexuelle sind homophob. Nein, nicht nur jene 25 Prozent, die laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage Homosexualität für „unmoralisch“ halten. Auch nicht nur die 40 Prozent, die es „ekelhaft“ finden, wenn sich Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit küssen. Nein, alle Heteros sind homophob. Alle! Und das nicht nur, weil sie in einer homophoben Gesellschaft aufwachsen. Heteros sind homophob, weil sie Heteros sind. Oder besser: Weil sie zu Heteros gemacht wurden.

Ja, natürlich: Unser gesamtes soziales Verhalten einschließlich unserer Sexualität ist gesellschaftlich geprägt, es gibt auch einen gewissen Druck, heterosexuell zu sein (zumindest hierzulande nimmt dieser Druck langsam aber stetig ab), und ja: viele Männer könnten mal akzeptieren, dass es weder ihre Männlichkeit noch ihre Sexualität in Frage stellt, wenn sie einen anderen Mann in den Arm nehmen. Und die Grenzen zwischen Hetero, Bi und Homo sind durchaus fließend. Aber dass nicht jeder Mann den Wunsch hat, auch mal mit anderen Männern ins Bett zu steigen, muss genau so akzeptiert werden wie die Tatsache, dass es strikt homosexuelle Menschen gibt. Das macht einen nicht zu einem homophoben Arschloch.

Wer tatsächlich der Meinung ist, die heterosexuelle Orientierung sei ausschließlich antrainiert, erlernt, der müsste auch die Arbeit von »Homo-Heilern« akzeptieren: Diese propagieren ja gerade, dass man Heterosexualität »erlernen« kann bzw. Homosexualität »abtrainieren«. Vielleicht sollte Goldmann noch einmal mit den »Behandelten« sprechen und sich noch einmal überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass alle Heten erst zu Heten gemacht worden sind.

Fat Acceptance für Anfänger

Fette Menschen nicht wegen ihres Fettseins zu beleidigen, zu beschimpfen, sich nicht über sie lustig zu machen (»Fat Shaming«: das ist eine Seite der »Fat Acceptance«-Bewegung. Den Menschen aber zu erzählen, Übergewicht sei ohnehin nicht ungesund und ließe sich im Zweifel auch nicht ändern (falsch verstandene »Fat Acceptance«): das ist die zweite, die schlicht unverantwortliche Seite.

Vor einem Jahr habe ich zum gleichen Thema, bezugnehmend auf einen Zeitungsartikel von Magda Albrecht, schon einmal kurz das Thema Fat Acceptance angesprochen. Nun legt ihre Mitstreiterin in der Sache und Autoren-Kollegin bei der Mädchenmannschaft Hengameh Yaghoobifarah im Vice Magazine nach. Unter dem Titel »Dick für den Sommer« beklagt die Autorin, wie schwer erträglich der Sommer für dicke / fette Menschen ist (als sei große Hitze für andere Menschen nicht auch äußerst belastend) – und gibt dem Rest der Welt die Schuld dafür.

Nun, wir brauchen sicherlich nicht darüber zu reden, dass Fat Shaming, um es vorsichtig zu formulieren: daneben ist; Fat Shaming ist aber definitiv nicht der Grund dafür, dass die verschwitzten Oberschenkel der Autorin vom Gegeneinanderreiben wund sind oder deren Knie schmerzen. Das sind vielmehr ernstzunehmende Indizien für etwas, das Yaghoobifarah im weiteren Text vehement abstreitet: dass Fettsein ungesund ist. Übergewicht sei nur irgendein (nichtssagendes, soll das wohl bedeuten) »Konzept«, Begriffe wie adipös und übergewichtig seien nur (auch hier der Vorwurf der Wertlosigkeit) »pseudo-wissenschaftlich«.

Es folgen im Text die Aussagen:

Die Verstrickungen zwischen Medizinwesen und Diätindustrie erschweren dicken Personen den Zugang zu Health Care.

Hängen Körperfettanteile und Gesundheit wirklich zwingend miteinander zusammen? Für einige Leute scheinbar schon.

Sorry, „Becky“. Sorry, ihr „Basic Bitches“, euer wöchentlicher Ketaminkonsum und eure ungeschützte Haut in der Sonne sind auch nicht gesund. Für solche Leute habe ich keine Zeit. Erstens, weil es überhaupt nicht bewiesen ist, dass Dicksein eine „ungesunde Lifestyle-Wahl“ ist, und zweitens, weil Gesundheit auch nicht alles im Leben ist.

Die Annahme, dicke Körper seien automatisch krank oder ungesund, ist ein gefährlicher Mythos.

die Fettschicht unter der Haut ist ein genetisch definiertes Baumerkmal

Oft sind die Molligen und Dicken die Gesünderen

Man stelle sich einmal vor, heutzutage würde noch jemand in dieser Art über das Rauchen reden!

Oft leben Raucher viel länger als Nichtraucher!
Hängen Lungenkrebs und Tabakkonsum wirklich wirklich zwingend miteinander zusammen? Für einige Leute scheinbar schon.
Viele Nichtraucher sterben aber früher als einige Raucher!

Solche Diskussionen hat es vor 40 oder 50 Jahren bestimmt gegeben. Heute aber würde niemand mehr behaupten, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und dem Rauchen – nur, weil nicht jeder Raucher an Lungenkrebs erkrankt oder weil es ja auch andere ungesunde Angewohnheiten gibt.

Ich möchte an dieser Stelle mein Fazit von damals wiederholen und etwas ergänzen: Menschen zu erzählen, fett zu sein sei »normal« oder »nicht ungesund«, ist kein empowerment, sondern das Gegenteil. Es ist verantwortungslos und Selbstbetrug.

Außerdem sei auf eine etwas bissigere und sehr lesenswerte Replik von Tante Jay auf den Text von Yaghoobifarah verwiesen.

Fettsein

Sonntag vormittag. Kaffee, Zeitung, Frühstückstisch. Ich lese im Freitag einen Artikel über die selbsternannte »politische Bildnerin« Magda Albrecht. Und kann nicht aufhören, mich zu wundern.

Der Freitag berichtet über die Arbeit von Magda Albrecht, die gegen vorherrschende Schönheitsideale, gegen die Abwertung von »fetten« Menschen und für »fat empowerment« kämpft. Soweit finde ich das gut und unterstützenswert. Denn: Auch wenn sich niemand davon komplett frei machen kann, so sollte doch niemand nach seinen Äußerlichkeiten bewertet bzw. abgewertet werden. »Fat shaming« ist nicht akzeptabel.

Zum Vergleich: Als Diabetiker (ich weiß, dass der Vergleich nicht ganz passend ist) kann ich auch nicht immer und nicht von allen erwarten, für die Krankheit und die Einschränkungen, die diese mit sich bringt, Verständnis zu erhalten. Wenn ich zum Beispiel nachts wegen einer Unterzuckerung aufstehe, und etwas esse oder trinke (es nützt ja nichts!) und dabei andere aufwecke. Oder wenn ich während des Fußballspielens pausieren muss, um Traubenzucker zu essen, und eben nicht wenigstens ins Tor gehen kann. Was ich aber erwarten kann: Dafür nicht auch noch beschimpft zu werden. (Was hin und wieder trotzdem passiert und durchaus sehr kränkend sein kann.) Auch sehe ich nicht ein, am Arbeitsplatz, in der Kantine oder im Restaurant mir keine Spritze setzen zu dürfen. Wer’s nicht erträgt, soll halt wegschauen. Das ist die eine Sache.

Bei Albrecht geht es allerdings etwas weiter. Und das ist die andere Sache. Ein paar Zitate aus dem Freitag-Artikel:

»Ist Schlanksein erstrebenswert? Für mich nicht.«

»Begreift euren Körper als Ort des Widerstands!«

Für Albrecht ist die Definition von Körperfülle die Konstruktion einer Krankheit.

Wenn aber die Hälfte der Menschen nicht normal ist, sollte man dann nicht lieber seine Wortwahl überdenken, als die Menschen zu ändern?

Magda Albrecht ärgert sich, wenn sie auf Diabetes, Bluthochdruck und Cholesterinwerte angesprochen wird. »Das wird nur auf das Übergewicht geschoben.«

Albrecht sagt: »Mir ist es egal, ob ein dicker Körper bestimmte Krankheiten erzeugt.«

Wenn sie gefragt wird, ob sie zugenommen hat, antwortet sie immer: »Ja! Cool, oder?«

Menschen zu erzählen, fett zu sein sei »normal« oder »nicht ungesund« ist kein empowerment, sondern das Gegenteil!

Kleiner Lesetipp am Rande, sozusagen eine Gegenmeinung sind zwei Artikel auf dem Blog erzaehlmirnix, das eigentlich durch seine grandiosen Comics bekannt geworden ist:

Magerwahn und Schlankheitsterror
Fettlogik.