Weblog-Archiv

Stichwort-Suche nach: Literatur.

Heroes

Zum Abschluss des Tages noch einmal etwas Musik. Eigentlich halte ich die eingedeutschte Version von »Heroes« nicht für besonders gut, aber Bowie und »Heroes« spielen halt eine wichtige Rolle in »Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«, das man sowohl in Buch- als auch in Film-Version einfach nur empfehlen kann, weil es Einblicke schafft in Welten, die man selbst hoffentlich niemals erlebt.

It’s All Over Now, Baby Blue

Vor ein paar Tagen lief mal wieder die deutsche Verfilmung von Houellebecqs Elementarteilchen (u. a. mit Christian Ulmen, Moritz Bleibtreu und Franka Potente) im Free TV. Den Roman sollte man ohnehin mal gelesen haben, aber auch der Film ist sehr gelungen. In der Schluss-Szene dann kommt dieser tolle Song zum Einsatz: It’s All Over Now, Baby Blue, in der Fassung von Them, der damaligen Band von Van Morrison. Das Original ist von Bob Dylan, und der Rest der Welt hat den Song wahrscheinlich auch schon interpretiert. Aber die Version von Them ist wohl die beste. Für meinen Abspann, glaube ich, würde ich mir genau diesen Song wünschen. Merkt euch das ;-)


Them - Its All Over Now, Baby Blue (1970) von oee22

Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam

Blasmusikpop

Blasmusikpop: Das letzte Buch, das ich im vergangenen Jahr zu Ende gelesen habe, und über das ich ursprünglich viel früher etwas schreiben wollte (allerdings hatte ich, wie man unschwer erkennen kann, in den letzten Wochen wenig Lust, hier etwas zu schreiben), gehört definitiv zu den besseren Texten, die ich 2015 gelesen habe. Der 2012 erschienene Debütroman der österreichischen Autorin Vea Kaiser erzählt die Geschichte des jungen Johannes Irrwein, der in einem kleinen Alpendorf aufwächst und seinem Großvater, dem einzigen Studierten im Ort und Dorfdoktor, nacheifert. Johannes, der wie sein großes Vorbild konsequent Hochdeutsch redet und seine Heimat als rückständig und bisweilen sogar als barbarisch empfindet, wird (oder macht sich) zum Außenseiter und flüchtet sich nach dem frühen Unfalltod des Großvaters mehr und mehr in seine eigene Welt. Mit dem Erwachsenwerden beginnt sich seine Haltung zum Dorf und zu dessen Bewohnern jedoch langsam zu ändern.

Die Erzählung bietet einen fast liebevollen (aber sicherlich keinen, wie einige Rezensenten bei Amazon es empfinden, beleidigenden) Blick auf so ziemlich jedes Dorf-Klischee, das man sich vorstellen kann, ist mit viel Ironie geschrieben und trotz der einen oder anderen Länge sehr unterhaltsam. Allein der ausgeschriebene Dialekt ist herrlich, allerdings gelingt das der Autorin bei den am Ende auftretenden Norddeutschen nicht ganz so gut :-) Nur gegen Ende wird die Geschichte leider ein wenig zu kitschig.

Ich selbst bin in einem Dorf (in Norddeutschland, nicht in den Bergen) aufgewachsen; vielleicht hat mich das Buch deshalb so amüsiert. Dazu kommt, dass mich beim Lesen vieles an dieses eine Alpendorf erinnert hat, das ich tatsächlich mal für ein paar Tage besuchen durfte.

Das Buch bekommt auf der Gewi-Skala vier von fünf Punkten und eine klare Leseempfehlung.

Mädchen für alles

Auch eine schlechte Rezension kann ein Buch erst richtig interessant machen. Jedenfalls habe ich den neuen Roman von Charlotte Roche nur deshalb gelesen, weil mich der Verriss bei FAZ.NET neugierig gemacht hatte.

Mädchen für alles

Charlotte Roche hat mit »Mädchen für alles« ihren dritten Roman vorgelegt, und dieser wäre sicherlich komplett an mir vorbeigegangen, wenn mich nicht einer kleiner Artikel der FAZ darauf aufmerksam gemacht hätte:

Das Konstrukt des Romans im Ganzen ist schwer erträglich. Nicht bloß, weil es hetero- wie homosexuelle Beziehungen denunziert, als Vorwand für eine Vorlustspanne, die an einigen Stellen ausgeweidet wird, sondern auch, weil unbeirrt eine klassische Trias infantiler Mechanismen durchgespielt wird – Schmerz, Verführung, Aggression. Jede Form erwachsener Kontrolle scheint bei Chrissi weitgehend ausgeschaltet.

Ach verdammt, ich fürchte, ich habe eine Vorliebe für kaputte Menschen und natürlich für Bücher über kaputte Menschen … Was die Rezensentin hier für »schwer erträglich« hält, macht eine Erzählung für mich erst interessant: das Spielen mit Normen und festen Vorstellungen, der Blick auf etwas Unerwartetes. Wer möchte schon eine Geschichte lesen, in der nichts Außergewöhnliches passiert?

Auch im Freitag stößt das Buch zumindest bei Teresa Bücker in ihrer Rezension unter dem Stichwort »nervtötend« auf wenig Gegenliebe. Bücker sucht nach einer politischen Aussage:

Es hätte auch Jörg sein können, der Hausarbeit und Erziehung seiner Frau überlässt und fremdgeht. Aber ist die Umkehrung der Rolle schon Emanzipation? Ein Tabubruch? Wenn Mädchen für alles eine Gesellschaftskritik sein soll, dann wirft Roche jedenfalls nicht die Frage nach akzeptablen Mütterbildern auf.

Mal unter uns: Wer in Romanen von Charlotte Roche politische Debattenbeiträge sucht, der sucht schlicht an der falschen Stelle. Außerdem: Es ist doch nicht schon ein Tabubruch, dass es tatsächlich mal die Frau ist, die in die Rolle des bad guy schlüpft!

Mittlerweile habe ich das recht dünne Büchlein dann mal gelesen. Kurzzusammenfassung: Eine frustrierte Hausfrau, überforderte Mutter und von der frühen Scheidung ihrer Eltern traumatisierte Frau verführt die neue Haushälterin und fasst den Plan, zusammen mit (dem unwissenden) Mädchen für alles die eigenen Eltern zu töten. Fazit: Die Handlung ist insgesamt ziemlich banal und nicht gerade spannend, das Ende ist eher enttäuschend. Die einfache, lockere Sprache, ein paar Szenen mit lesbischem Sex und die ausführlich geschilderten Gewaltphantasien machen das Buch trotzdem zu einer halbwegs unterhaltsamen, wenn auch nicht gerade fordernden Lektüre. Macht zwei Punkte von fünf auf der Gewi-Skala!

So finster die Nacht

So finster die Nacht

Ein Vampirroman. Und eine Liebsgeschichte! Angesichts des Erfolges der Twilight-Geschichte und der Nachahmer, die im Kielwasser dieses Erfolges ebenfalls versucht haben, einen ordentlichen Profit zu machen, könnte man auch So finster die Nacht für reine Trittbrettfahrerei halten.

Der Autor John Ajvide Lindqvist hat allerdings eine etwas andere Geschichte, mit vielen ungewöhnlichen und durchaus auch verstörenden Aspekten geschaffen. Das fängt schon damit an, dass der Vampir-Protagonist ein kindlicher Vampir ist. Oder dass die Handlung in einem Stockholmer Vorort spielt. Dass Pädophilie eine wesentliche Rolle spielt. Dass sich die Liebesgeschichte zwischen zwei Kindern abspielt. Dass es um gleichgeschlechtliche Liebe geht. Und dass die Geschichte nebenbei immer noch ziemlich blutig ist.

Jedenfalls handelt es sich bei dem bereits 2004 (und 2007 in deutscher Übersetzung) veröffentlichten Roman eben nicht um eine abgedroschene, bereits hunderte Male erzählte Geschichte. Mein Urteil: unbedingte Leseempfehlung! So einen Lesestoff findet man sicher nicht so oft.

Neben einer schwedischen Verfilmung von So finster der Nacht (die ich nicht gesehen habe) existiert auch eine US-amerikanische Verfilmung unter dem Titel Let me in aus dem Jahr 2010, die aktuell bei Amazon Prime Instant Viedeo (worüber ich überhaupt erst auf diesen Titel gestoßen bin) zu haben ist, und die zwar einige der eher verstörenden Aspekte der Geschichte auslässt, aber dennoch sehr sehenswert ist. Ich würde sogar raten, erst den Film zu sehen und anschließend das Buch zu lesen.

[Update: Twilight erschien übrigens erst 2005. So kann man sich täuschen.]

Houellebecq

Im aktuellen Spiegel gibt es eine ansonsten durchaus lesenswerte Rezension von Houellebecqs neuem Roman »Soumission« bzw. »Unterwerfung« – mit einem bemerkenswerten Seitenhieb:

Als Romancier hatte man ihn fast schon abgeschrieben, nachdem er zuletzt eher als Performace-Künstler mit dem Aussehen eines versoffenen Pennbruders oder eines Crystal-Meth-Junkies aufgetreten war.

Was das mit Inhalt oder Qualität des Romans zu tun hat weiß ich zwar auch nicht, aber was soll’s. Da ich Houellebecq bisher immer ganz gern gelesen habe (und »Elementarteilchen« für grandios halte), werde ich mir vermutlich auch »Unterwerfung« irgendwann einmal antun. Die deutsche Übersetzung erscheint kommenden Freitag. Eine kurze Rezension gibt es auf Spiegel Online.

Mit einem der Anschlagsopfer von Paris ist Houellebecq gut befreundet gewesen. Er hat anscheinend die Werbetour für sein Buch unterbrochen und sich nach Irland zurückgezogen.

What if: Klolektüre für Nerds

What if?

Klolektüre ist in diesem Zusammenhang natürlich nicht abwertend gemeint; der Begriff bezieht sich eher auf die Tatsache, dass man nicht eine große Geschichte erzählt bekommt, sondern eine Ansammlung kleiner Häppchen in der Hand hält, die sich bequem zwischendurch lesen lassen.

Randall Munroe, Schöpfer der beliebten xkcd-Comics, hat (vor einiger Zeit schon) mit »What if?« ein Buch veröffentlicht, in dem er in gewohnter Art vollkommen absurde Fragen möglichst realistisch bzw. wissenschaftlich akkurat zu beantworten versucht. Zu diesen Fragen gehört beispielsweise: »If every person on Earth aimed a laser pointer at the Moon at the same time, would it change color?«, »How high can a human being throw something?« oder auch »Is it possible to build a jetpack using downward-firing machine guns?«

Das Alles ist nicht sonderlich sinnvoll, aber doch äußerst unterhaltsam und erhält deshalb eine klare Kauf-Empfehlung von mir.

Und für alle, die es lieber auf Deutsch haben: seit ein paar Wochen liegt auch eine entsprechende Übersetzung vor.

Blau ist eine warme Farbe

Blau ist eine warme Farbe

Kleiner Lesetipp am Rande: Die Graphic Novel »Blau ist eine warme Farbe« der französischen Autorin Julie Maroh erzählt die (tragische) Liebesgeschichte zwischen der anfangs fünfzehnjährigen Clémentine, die zunächst noch damit bzw. dagegen kämpft, homosexuell zu sein und der wenig älteren Emma.

Gefühlvolle Story, ansprechende Zeichnungen – natürlich ist eine Graphic Novel von knapp 160 Seiten schnell gelesen, »Blau ist eine warme Farbe« ist dennoch ein Buch, das Eindruck hinterlassen kann.

Die Judenbuche

Judenbuche

Heute präsentiert Google einen Doodle zu Ehren von Annette von Droste-Hülshoff. Zugegeben: Lange Zeit kannte (auch) ich sie nur vom 20-Mark-Schein. Bis wir in der Oberstufe die Novelle »Die Judenbuche« lesen mussten.

Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich bei diesem Buch um einen der besseren oder gar besten Lesestoffe, die uns vorgesetzt wurden. Es ist eine ungewöhnliche, düstere Erzählung voll von menschlischem Leid und Verfehlungen, von Rassismus und Eitelkeiten; mit Figuren, die nicht schlicht in Gut und Böse unterteilt sind – bei alledem kommt der Erzähler nicht moralisierend, sondern neutral-distanziert daher. Und: die Morde werden nicht einmal oder nicht eindeutig aufgeklärt.

Jedem, der etwas übrig hat für ältere Literatur und »Die Judenbuche« noch nicht gelesen hat, dem sei hiermit die Lektüre ans Herz gelegt. Die Erzählung ist nicht besonders umfangreich und ist auch als Hörbuch verfügbar.