Die große Verschwulung oder: Pirinçci in Trouble

Eigentlich wollte ich vorletzte Woche an dieser Stelle schon eine Empfehlung ausprechen für alle Freunde des schlechten Geschmacks, für alle, die einmal etwas wirklich ekelhaftes lesen wollen. Jetzt ist es unerwartet schwer, an das Buch heranzukommen.

In der vorletzten Woche ist unter dem Titel »Die große Verschwulung« das neue, ähem, Sachbuch von Akif Pirinçci erschienen. (Ja genau, der »Ich wichse auf eure Praktikantinnen«-Pirinçci!) Wenn ich einen Vorab-Auszug von Pirinçcis Facebook-Seite korrekt zusammenfasse, dann phantasiert der Autor von einer dunklen Verschwörung von Schwulen und anderen »Gesellschaftszerstörern«, die gestützt und geschützt von Medien und Wirtschaft die traditionelle Familie »ausrotten« und unsere Kinder »verdummen« und »entwürdigen« wollen, die Sprache verschandeln und missbrauchen und am Ende aus Deutschland ein degeneriertes »Kuriositätenkabinett« machen wollen.

Gerade den Gedanken der Ausrottung der klassischen Familie finde ich durchaus interessant, weil ich persönlich noch niemals eine homosexuelle Person kennengelernt habe, die mir irgend etwas wegnehmen wollte oder etwas von mir gefordert hätte. Es ist doch genau anders herum: Homosexuellen werden ständig Rechte und Möglichkeiten vorenthalten (und das oft genug mit so einem pseudo-überlegenen moralischen Habitus), die für andere Menschen selbstverständlich sind und genau das für alle sein sollten. Es ist doch echt nicht wahr, dass wir heutzutage immer noch »diskutieren« müssen, ob homosexuelle Paare heiraten und / oder Kinder adoptieren dürfen.

Wie auch immer … kurz vor der Buchveröffentlichung ist Akif Pirinçci bei einer PEGIDA-Demonstration als Gastredner aufgetreten und hat sich mit seinem geschmacklosen KZ-Spruch wahrlich keinen Gefallen getan. Zwar hat er nicht gefordert, wie das in vielen Medien zu lesen war, Flüchtlinge in Konzentrationslager zu stecken; mit der Unterstellung, die Politik würde am liebsten unbequeme Kritiker in die wiedereröffneten Lager schicken und sie somit zum Schweigen bringen, hat er sich, PEGIDA und Co. auf eine Stufe mit den vom NS-Regime verfolgten Juden gestellt. Solch eine Aussage muss man sich erst mal trauen.

Anschließend jedenfalls haben Händler und Verlage reagiert und praktisch ausnahmslos ihre Verträge mit Pirinçci gekündigt bzw. die Auslieferung seiner Werke gestoppt. Mit dabei auch Amazon, so dass ich mir das Buch nun leider nicht mehr holen kann. Man erhält es zwar beim herausgebenden Manuscriptum-Verlag, dort aber nicht als E-Book, und ich würde das Buch zwar schon gerne lesen – allerdings eher ungern ins Regal stellen. So werde ich es zumindest vorerst nicht lesen und bleibe eine ausführliche Rezension schuldig.

Worauf ich aber hinaus wollte: Sind die verzerrte Darstellung von Pirinçcis KZ-Rede und der Handels-Boykott nicht grundlegend falsch? Ist diese Reaktion nicht nur Wasser auf die Mühlen derjenigen, die ohnehin schon laut Lügenpresse, Gleichschaltung und Zensur grölen? Wäre es nicht besser, sich stattdessen ruhig, sachlich und ernsthaft mit den kruden Thesen des »kleinen Akif« auseinanderzusetzen? Oder, meinetwegen: ihn publizieren lassen und den Schund gelassen zu ignorieren?

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