Fettsein

Sonntag vormittag. Kaffee, Zeitung, Frühstückstisch. Ich lese im Freitag einen Artikel über die selbsternannte »politische Bildnerin« Magda Albrecht. Und kann nicht aufhören, mich zu wundern.

Der Freitag berichtet über die Arbeit von Magda Albrecht, die gegen vorherrschende Schönheitsideale, gegen die Abwertung von »fetten« Menschen und für »fat empowerment« kämpft. Soweit finde ich das gut und unterstützenswert. Denn: Auch wenn sich niemand davon komplett frei machen kann, so sollte doch niemand nach seinen Äußerlichkeiten bewertet bzw. abgewertet werden. »Fat shaming« ist nicht akzeptabel.

Zum Vergleich: Als Diabetiker (ich weiß, dass der Vergleich nicht ganz passend ist) kann ich auch nicht immer und nicht von allen erwarten, für die Krankheit und die Einschränkungen, die diese mit sich bringt, Verständnis zu erhalten. Wenn ich zum Beispiel nachts wegen einer Unterzuckerung aufstehe, und etwas esse oder trinke (es nützt ja nichts!) und dabei andere aufwecke. Oder wenn ich während des Fußballspielens pausieren muss, um Traubenzucker zu essen, und eben nicht wenigstens ins Tor gehen kann. Was ich aber erwarten kann: Dafür nicht auch noch beschimpft zu werden. (Was hin und wieder trotzdem passiert und durchaus sehr kränkend sein kann.) Auch sehe ich nicht ein, am Arbeitsplatz, in der Kantine oder im Restaurant mir keine Spritze setzen zu dürfen. Wer’s nicht erträgt, soll halt wegschauen. Das ist die eine Sache.

Bei Albrecht geht es allerdings etwas weiter. Und das ist die andere Sache. Ein paar Zitate aus dem Freitag-Artikel:

»Ist Schlanksein erstrebenswert? Für mich nicht.«

»Begreift euren Körper als Ort des Widerstands!«

Für Albrecht ist die Definition von Körperfülle die Konstruktion einer Krankheit.

Wenn aber die Hälfte der Menschen nicht normal ist, sollte man dann nicht lieber seine Wortwahl überdenken, als die Menschen zu ändern?

Magda Albrecht ärgert sich, wenn sie auf Diabetes, Bluthochdruck und Cholesterinwerte angesprochen wird. »Das wird nur auf das Übergewicht geschoben.«

Albrecht sagt: »Mir ist es egal, ob ein dicker Körper bestimmte Krankheiten erzeugt.«

Wenn sie gefragt wird, ob sie zugenommen hat, antwortet sie immer: »Ja! Cool, oder?«

Menschen zu erzählen, fett zu sein sei »normal« oder »nicht ungesund« ist kein empowerment, sondern das Gegenteil!

Kleiner Lesetipp am Rande, sozusagen eine Gegenmeinung sind zwei Artikel auf dem Blog erzaehlmirnix, das eigentlich durch seine grandiosen Comics bekannt geworden ist:

Magerwahn und Schlankheitsterror
Fettlogik.

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